Interview mit Gregor Samsa (zweiter Teil)

Farbiges Vinyl ist ein billiger Trick, den Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen.

VFM: Auch in der Musik kommt das DIY-Prinzip immer mehr in Mode. Bands vermarkten sich selber über die sozialen Netzwerke, stellen ihre Alben in Eigenregie bei Bandcamp bereit und so weiter… Etwas provokant gefragt: Braucht es in naher Zukunft überhaupt noch so etwas wie ein Musiklabel?


Ich denke, dass hier oftmals DIY missverstanden wird. Menschen, die denken, sie müssten alles selber machen, sind eigentlich zu bedauern. Do it together ist der bessere Weg. DIY, Punk, Indie sind nur noch Worthülsen, um sich einen sozialkritischen Anstrich zu geben, und um das eigene Produkt besser vermarkten zu können. Viele meiner Platten würden nicht ohne die Arbeit von anderen Menschen entstehen können, dafür sind die Verpackungen viel zu aufwendig. Klar, wenn ich an meinem Rechner irgendetwas zusammenmixe und das hochlade, brauche ich kein Label. Sobald es aber um ernsthaftes Musizieren geht, braucht man eine funktionierende Infrastruktur. Viele von den sogenannten Selbstvermarktern haben ja kaum noch Zeit, Songs zu schreiben, da sie neben der Produktion und dem Booking auch noch die gesamte Vermarktung übernehmen müssen. Es hört sich alles nett an, aber die Realität ist eine andere.

VFM: Ich habe in der Wochenzeitung „Der Freitag“ einen Artikel über dich gelesen, in dem du als „die lebende Antithese zum von der „Netzgemeinde“ gern beschworenen „Content-Blutsauger“ bezeichnet wirst. Ein Kompliment?

Ganz klar! Wer ist denn überhaupt diese Netzgemeinde oder wer redet denn gerne von der Contentmafia. Felix von Leitner vom Chaos Computer Club (Fefes Blog), welcher einer der stärksten Verfechter dieses Begriffes ist, arbeitete oder arbeitet für Energiekonzerne, welche Atomkraftwerke betreiben, für die Bundesregierung, welche Kriege führt, für Großbanken, welche das alles finanzieren und für die Bild-Zeitung. Um den Rest des Clubs ist es nicht besser gestellt. Was wollen diese Leute mir über Moral erzählen? Die selben Leute übrigens vom CCC, die sich tierisch darüber aufgeregt haben, dass Guttenberg seine Arbeit zusammengeklaut hat und somit ihr Know-how in Frage stellt, greifen mich an, weil ich meine Arbeit nicht für ein Arschloch in Neuseeland verramscht sehen will. Ich kann überhaupt keine Begriffe finden, wie sehr mich diese Doppelmoral ankotzt. Nicht falsch verstehen, ich finde ihre Arbeit für Datenschutz und Bürgerrechte wichtig und notwendig, aber sie sind eben auch nur von Eigeninteressen gesteuert. Wie viele Leute waren wegen Acta auf der Straße und wie viele wegen der NSA? Das sagt eigentlich alles.

VFM: Mit dem „Arschloch in Neuseeland“ meinst du jetzt vermutlich Kim Schmitz von Megaupload, über den du keine allzu positive Meinung zu haben scheinst…

Da hast du Recht! Ich meine aber nicht nur ihn, sondern all die Leute, die z.B. Milliardäre durch Ticketverkäufe geworden sind. Ich meine all die Leute, die mit ihren Softwarelösungen nur die Orange noch mehr auspressen wollen. Ich meine all die Leute, die nur an ihren eigenen Konsum und Nutzen denken. Ich meine jeden, der bewusst die Armut anderer Menschen in Kauf nimmt, um selbst einen Vorteil zu ergattern. Und dieses Prinzip versuche ich auf sämtliche Bereiche meines Lebens anzuwenden. Ich bin es leid, Ausreden für unmoralisches Verhalten zu hören. Es langweilt. Du willst die Welt verbessern, dann tue es und zwar sofort – mit den Möglichkeiten, die sich dir bieten! Sei fair zu anderen und hilf denen selbstlos, die Hilfe benötigen. Kunst ist Mittel der Kommunikation, also f***t alle, die sie als Dekoration benutzt sehen wollen und benutzen.

VFM: Du hast mir persönlich mal gesagt, dass du kein Fan von farbigem Vinyl bist, wenn ich mich recht erinnere. Lässt du alle deine Vinyl in schwarz herstellen bzw. wo lässt du deine Vinyl überhaupt pressen?

Ich arbeite mit Duophonic und mit Optimal zusammen. Mit beiden bin ich zufrieden. Als ich angefangen habe, wurden die Platten – wie bei so vielen anderen auch – in Tschechien gepresst. Nur war es da mit der Qualität stets ein Glücksspiel und als herauskam, dass der gesamte skandinavische Rechtsrock dort ebenfalls hergestellt wird, stand fest, dass keine weitere Zusammenarbeit erfolgen sollte.
Aber zum wichtigeren Teil deiner Frage: Mittlerweile presse ich nur noch schwarzes Vinyl und bin auch ein entschiedener Gegner des Farbigen. Der Grund ist neben den klanglichen Eigenschaften eher ein wirtschaftskritischer. Farbiges Vinyl ist ein billiger Trick, den Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen. Jedes Label und jede Band, welche farbiges Vinyl in einer Extraauflage pressen, sagt „Ja“ zum kapitalistischen System. Es wird ein künstlicher Mangel erzeugt, um ein und dasselbe Produkt teurer oder doppelt verkaufen zu können, ohne dass ein Mehrwert für den Käufer entsteht. Dieser Art zu handeln möchte ich mich verweigern.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin ein großer Freund von aufwendigen Plattenverpackungen und Gimmicks aller Art. Von Dingen, die durch die eigene Arbeit veredelt werden. Es geht auch nicht gegen Konsum, sondern es geht um einen bewussten Umgang mit dem Selbigen. Wie kann ich zum Beispiel als Punkband Kapitalismus kritisieren, wenn ich mit den selben Mitteln arbeite?

VFM: Vielleicht kannst du mir an dieser Stelle helfen, ein Gerücht aufzuklären. Stimmt es, dass die verbliebenen Vinylpresswerke Probleme damit haben, Ersatzteile für ihre Maschinen zu finden und es passieren kann, dass irgendwann in naher Zukunft keine Vinyl mehr gepresst werden können!?

Mittlerweile werden die Teile einfach nachgebaut, ist halt teuer. Aber wenn man jetzt ein bisschen Kleingeld hätte, sollte man eine Manufaktur für Vinylpressen aufmachen.

VFM: Das bedeutet in der Konsequenz aber auch, dass Schallplatten in naher Zukunft teurer werden, da die Produktionskosten steigen…

… nur solange, bis das nächste Statussymbol die Hipsterkultur erreicht. Dann wird sich wieder alles auf einen normalen Pegel einpendeln. Zumindest hoffe ich das.

VFM: Du wirst in Bezug auf die Verleihung der Indieaxt mit den Worten zitiert, dass Musik oder Kunst nicht als Instrument der Gewinnmaximierung begriffen werden sollten. Wie stehst du in diesem Zusammenhang zu der momentanen Diskussion über Preistreiberei/Wucher beim Verkauf von Vinyl?

Ich finde, dass wir uns in eine falsche Richtung bewegen. Bei den Bands und Labels kommt weniger als ein Drittel des Geldes an. Bei der Frage existieren mehrere unterschiedliche Aspekte. Zum einen sind das die Einzelhändler, von denen Amazon zur Zeit eindeutig der Größte ist. Jeder, der bei Amazon Platten kauft, sollte sich bewusst machen, dass er damit eben nicht die Bands unterstützt, sondern einen Großkonzern, der sich auf perfide Art und Weise bereichert und seine Vormachtstellung gegenüber der Konkurrenz gnadenlos behauptet. Wenn bei Amazon die Freddy Fischer – Tanz Doch Doppel CD 25€ kostet, erhalten Band und Label zusammen 9€. Jetzt kann jeder selbst entscheiden, wohin er sein Geld geben möchte.
Wie überall fehlt es aber auch hier an der Solidarität der Vertriebe und Labels untereinander, um jemandem wie Amazon gemeinsam entgegenzutreten. Amazon macht eben mittlerweile die Charts und das wissen alle. So werden die kleinen Bands und Labels geopfert, um mit ein paar Produktionen das Geld einzufahren. Zum anderen ist es die Preisgestaltung der Vertriebe. Wenn ich als Label meine Platte aufwendiger gestalte und deswegen einen Euro draufschlage, verteuert sich die Platte eben nicht nur um einen Euro, sondern durch die Preisgestaltung exponentiell, obwohl kein zusätzlicher Handgriff erfolgt und die geleistete Arbeit die Gleiche bleibt. Dieses ist ein Kapitalismusproblem, welches man nicht nur im Vinylbereich findet, und führt eben zu dieser absurden Preissteigerung.
Generell sollten einfache Platten meiner Meinung nach nicht teurer als 15€ sein. Alles Andere führt im Endeffekt dazu, dass die Leute weniger Platten kaufen und sich eben nicht mehr auf Neues und Experimente einlassen.

VFM: Jetzt mal arg provokant ausgedrückt heißt das so viel wie „Kauft kein Vinyl bei Amazon“!?

Genau das heißt es! Geht in die Plattenläden oder bestellt direkt bei den Labels und kleinen Mailordern!

VFM: Wie ist deine Meinung zu „Marketingaktionen“ wie z.B. der Eisvinyl der Shout Out Louds oder der Reflektors-EP von Arcade Fire?

Das Eisvinyl war ein Gag und funktioniert ja nicht wirklich. Das andere ist reines Marketing und hat mit Musik nichts zu tun, sondern hilft einen Hype um etwas zu kreieren, was es ohne nicht schaffen würde. Mich stört auch diese Form von Limitierung, sie behandelt Käufer einfach nur als dummes Kaufvieh – und leider gibt es genug Menschen, die sich auf dieses Spiel einlassen. Limitierungen sollten immer so gestaltet sein, dass der Besitz der Platte nicht über den Besitz der Songs steigt. Dinge, die nur ein paar Stunden erhältlich sind, dienen nicht der Musik. Sie sind Mittel zum Zweck, das System am Laufen zu halten.

VFM: Zum Abschluss zwei etwas persönlichere Fragen. Numero uno: Sammelst du selber Platten und, falls ja, wieviele befinden sich in deiner Sammlung?

Dazu kann ich nur eins sagen: Es sind zumindest so viele, dass mir keiner mehr beim Umzug helfen will.

VFM: Welches sind deine absolute Lieblingsplatten?

Cole Quintet – Get off your knees the party is over
Der Moderne Man – 80 Tage auf See
EA 80 – Grüner Apfel
Ornette Coleman – Broken shadows
Flying Luttenbachers – Revenge
Schleim-Keim – Abfallprodukte der Gesellschaft
Curtis Mayfield – Curtis
Leatherface – Minx
Envy – A dead sinking story
Monks – Black Monk time
Microfilm – The Bay of Future Arms
GG Allin – alles

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Carsten Thoben

Gründer und Betreiber des Vinyl Fantasy Mag | leidenschaftlicher Plattensammler | leidgeplagter HSV-Fan | Online & Social Media Junkie

1 Kommentar zu “Interview mit Gregor Samsa (zweiter Teil)

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