Jason Isbell warnt vor eigenem Record Store Day-Release


Der Record Store Day steht mal wieder vor der Tür. Die Kritik an diesem Event ist auch in diesem Jahr groß: zu viele Releases, die kein Mensch braucht und deren Herstellung die Presswerke verstopft, die elende Preistreiberei auf Discogs, ebay und Co. oder die Kritik an Sponsoren wie Crosley, auf deren Plattenspieler ich zugegebenermaßen auch niemals Vinyl aus meiner Sammlung abspielen würde. Selbst einige Plattenladenbetreiber zeigen sich genervt und steigen aus oder schreiben einen Meinungsbeitrag für den Guardian.

Jetzt hat sogar ein Musiker davor gewarnt, den eigenen Release am Record Store Day zu kaufen. Was zunächst wie Wasser auf die Mühlen der Record Store Day-Kritiker erscheint, hat mit diesem allerdings recht wenig zu tun.
Bei dem warnenden Künstler handelt es sich um Jason Isbell, von dem ein Release auf der offiziellen Liste für 2018 auftaucht. Kurz nachdem diese am Dienstag veröffentlicht worden ist, warnte der Singer-Songwriter seine Follower auf Twitter vor einem Kauf der Live EP. „It’s not very good“, so seine Worte. Natürlich kann man jetzt die Frage stellen, warum der Release überhaupt veröffentlicht wird, wenn ihn selbst der verantwortliche Künstler nicht mag. Der Grund ist einfach und eine Frage der Verwertungsrechte: Die EP wurde veröffentlicht bevor Jason Isbell sein eigenes Label gründete, so dass er den Release nicht verhindern kann, da die Rechte weiterhin bei New West Records liegen.

Bei der EP mit dem Titel „Live At Twist & Shout 11.16.07“ handelt es sich um Aufnahmen in einem Plattenladen in Denver, die bislang via New West Records lediglich auf CD und digital erschienen sind. Sein eigenes Debütalbum „Sirens Of The Ditch“ ist ebenfalls noch auf New West Records erschienen, erst danach gründete er sein eigenes Label Southeastern Records und veröffentlichte seine Alben und jene mit The 400 Unit in Eigenregie.

Aktuelle Anmerkung: Der Link zum Release auf der US-amerikanischen Record Store Day-Website funktioniert nicht länger, und auch in der Liste taucht der Release nicht mehr auf. Auch aus der deutschen Liste ist die EP verschwunden (in der Original-pdf, die ich mir Dienstag Abend heruntergeladen habe, taucht die EP noch auf). Lediglich auf der UK-Seite ist sie nach wie vor gelistet – mit dem Hinweis, dass die Veröffentlichung auf 3000 Exemplare limitiert sei. Ob das Entfernen bedeutet, dass das Label kalte Füße bekommen hat, kann ich leider nicht sagen. Wobei ich es mir kaum vorstellen kann, denn eigentlich müsste die Auflage längst beim Presswerk in Auftrag gegeben worden sein, um ein pünktliches Erscheinen zum RSD zu garantieren…

Musiker vs. Label – wer hat die Rechte an der Musik?

Probleme in Bezug auf die Verwertungsrechte hat es zwischen Musikern und Labels schon immer gegeben – mit dem feinen Unterschied, dass solche Konflikte mittlerweile öffentlich in den sozialen Medien thematisiert werden. Ein Beispiel gefällig? Im Oktober des vergangenen Jahres brachte das deutsche Label Backbite Records ein Reissue von Poison The Wells „You Come Before You“ heraus – für viele ein Meilenstein des modernen Hardcore aus dem Jahre 2003. Grundsätzlich keine schlechte Idee, denn die ersten Pressungen aus dem Erscheinungsjahr werden bei Discogs allesamt für recht teures Geld gehandelt. Dementsprechend war die Aufmerksamkeit groß und auf Instagram habe ich mehrere Dutzend Bilder der Platte gesehen, die sich aber vor allem auf einen Fehler konzentrierten: auf dem Albumcover wurde ein „e“ unterschlagen, so dass dort als Titel „You Come Befor You“ zu lesen war.

Irgendwann bekam so auch die Band Wind davon und prangerte das Label öffentlich auf Facebook an. Zu keinem Zeitpunkt sei man vom Label kontaktiert worden und in das Reissue involviert gewesen. Man sei enttäuscht von der mangelnden Qualität der Pressung und der Art und Weise, wie Backbite Records das Ganze angegangen ist. Das konnte Backbite Records natürlich nicht auf sich sitzen lassen und betonte in einer Klarstellung, dass das Label die Lizenzen ganz legal beim Lizenznehmer (in diesem Fall Warner) für viel Geld erworben hat. Mit der Band hat man im Vorfeld aber offensichtlich nicht gesprochen, was der Hauptkritikpunkt von Poison The Well ist: „We would have been fine with this if they would have approached us and allowed the band to maintain quality control over the rerelease. That didn’t happen and we’re not cool with this at all“, schreiben sie in einem der unzähligen Kommentare unter dem Facebook-Eintrag.

Und genau hier liegt das Problem, dass auch bei oben erwähntem Jason Isbell-Release zum Vorschein kommt: Es braucht nicht unbedingt die Zustimmung der beteiligten Musiker, die ja immerhin für die Songs auf dem Album verantwortlich sind, um eine Platte zu veröffentlichen. Natürlich darf man an dieser Stelle auch die Musiker nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Wenn ich – wie bei Poison The Well offensichtlich geschehen – die Rechte an meiner Musik verkaufe, um ordentlich Kohle zu kassieren, darf ich mich Jahre später nicht wirklich beschweren, wenn ich mit einem Re-Release nicht einverstanden bin.
Wobei ich es ehrlich gesagt nicht verstehen kann, dass sich ein Label vorher nicht mit dem Musiker abspricht, denn immerhin ist es sein Werk, in dem eine Menge Arbeit und Emotionen stecken. Dieses ohne sein Wissen oder gar gegen seinen Willen zu veröffentlichen, erweckt schnell den Anschein, dass allein das schnelle Geld im Vordergrund steht (was freilich auch oft der Fall ist). So beschwerte sich vor einigen Jahren z.B. auch Cedrix Bixler-Zavala via Twitter über ein Music On Vinyl-Reissue des The Mars Volta-Klassikers „De-Loused In The Comatorium“. Er bezeichnete es als „Bootleg von minderer Qualität“ ohne Zustimmung seiner selbst und der Band. Fans der Band scheint diese Kritik recht egal zu sein, denn das limitierte Reissue auf goldenem Vinyl wird bei Discogs für durchschnittlich 116€ verkauft und derzeit sogar für 150€ aufwärts gehandelt. Den moralischen Standpunkt außen vor gelassen, könnte man also behaupten, dass das Label alles richtig gemacht hat…

An dieser Stelle könnte ich mich jetzt über die Macht des Konsumenten auslassen, aber das würde vermutlich zu weit führen. Fakt ist, dass die Kritik am Record Store Day, an nicht legitimierten oder schlechten Pressungen oder an horrenden Ticketpreisen noch so groß sein kann – so lange die Plattenläden am Record Store Day früh morgens von Horden an Vinylsammlern überrannt werden und Vinylpressungen und Konzerte binnen Minuten ausverkauft sind, wird sich nichts ändern. Denn dass im Kapitalismus am Ende immer das (eingenommene) Geld entscheidet, muss ich an dieser Stelle vermutlich niemandem erklären!

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Carsten Thoben

Gründer und Betreiber des Vinyl Fantasy Mag | leidenschaftlicher Plattensammler | leidgeplagter HSV-Fan | Online & Social Media Junkie

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