Vinyl Classics
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Vinyl Classics: The Kinks – The Kinks Are the Village Green Preservation Society

Vinyl Classics: The Kinks - We Are The Village Green Preservation Society
Oft werden Bands trotz zig Alben und Single-Auskopplungen mit einem einzigen Song in Verbindung gebracht. Bei The Kinks scheint das irgendwie immer noch „You Really Got Me“ zu sein, mit dem sie 1964 den internationalen Durchbruch schafften. Ein zugegebenermaßen toller Song. Etwas unter dem Radar flog das sechste Album der Band „The Kinks Are the Village Green Preservation Society“ dahin. Vielleicht war es einfach das Pech, im selben Jahr wie das „White Album“, „Electric Ladyland“ oder „Beggars Banquet“ veröffentlicht zu werden. Vielleicht hat sich das Konzeptalbum den Hörern zum damaligen Zeitpunkt aber auch einfach nicht erschlossen.

Wie es der Ausdruck vom Konzeptalbum bereits nahe legt, ist „The Village Green Preservation Society“ kein Album aus dem eine oder mehrere (Hit)Singles herausstechen. Nicht umsonst haben sich die Aufnahmen des Albums über einen Zeitraum von knapp 2 Jahren hingezogen. Das ging so weit, dass einige Songs nach Differenzen mit dem Plattenlabel wieder gestrichen worden sind, und das ursprünglich als Doppelvinyl geplante Album schließlich doch auf eine LP passte. Vermutlich hatten die Plattenbosse Angst, das der Hörer sonst überfordert sein würde, denn die Zeit des Progrocks und überbordender Konzeptalben war 1968 noch nicht gekommen.

Aus der Zeit gefallen

Trotz oder vielleicht auch aufgrund des Einschreitens der Plattenfirma floppte das Album gewaltig. Wie das manchmal so ist, hat sich das Album erst weitaus später zu einem von Kritikern und Fans gelobten Klassiker entwickelt. Der Rolling Stone hat es in die Liste der 500 besten Alben aller Zeiten aufgenommen und schreibt: „Having shed their early garage-rock grit in favor of more baroque arrangements, the Kinks made one of their loveliest albums, Ray Davies‘ nostalgic ode to British pastoral life.“ Mit diesem Sound konnten Musikliebhaber 1968 offensichtlich nur wenig anfangen. Immerhin war dies eine Zeit der Umwälzungen, in der die Jugend nicht nur in Deutschland rebellierte und überkommene moralische Wertvorstellungen über den Haufen geworfen wurden. Da passte ein Album, dass sich textlich mit – sagen wir einfach mal – recht spießigen Vorstellungen von britischen Vorstadtidyllen beschäftigte, nicht wirklich rein. Im Eröffnungssong heißt es unter anderem: „God save little shops, china cups and virginity. God save tudor houses, antique tables and billiards. Preserving the old ways from being abused. Protecting the new ways for me and for you. What more can we do. God save the Village Green.

Exkurs: Begehrte Pressung unter Sammlern

Village Green Preservation Society erschien nach Differenzen mit der Plattenfirma als einfaches Album. Etliche Songs, darunter das am 28. Juni 1968 als Single veröffentlichte „Days“, wurden kurzfristig von der Titelliste gestrichen. Zu diesem Zeitpunkt (Ende September 1968) war die LP jedoch bereits in einer Version mit 12 Titeln in Frankreich, Italien, Skandinavien und Neuseeland ausgeliefert worden: Mit Mr. Songbird und Days, aber ohne Last of the Steam-Powered Trains, Big Sky, Sitting by the Riverside, Animal Farm und All of My Friends Will Be There. Diese Pressung ist heute unter Sammlern heiß begehrt, Ray Davies aber war mit der Zusammenstellung der Lieder nicht zufrieden und stoppte die Produktion. Viele der Songs, die damals für die Doppel-LP vorgesehen waren und den Kürzungen zum Opfer fielen, wurden erst 1973 von Pye Records auf dem Great Lost Kinks Album veröffentlicht, das ebenfalls nicht berücksichtigte Berkeley Mews fand 1970 Verwendung als B-Seite von Lola.

Fazit

Auch wenn ich mit dem Album textlich wenig anfangen kann (der Versuch, ein Bild von England zu zeichnen, das so vermutlich nie existiert hat – im englischen gibt es diesen schönen Begriff „picturesque“ – ist mir schlicht zu fern), zaubert es mir bei jedem Hören ein entspanntes Lächeln auf die Lippen. Bei „Do You Remember Walter“ möchte ich permanent mit dem Fuß wippen oder durch die Wohnung hüpfen, bei „Picture Book“ lautstark mitsingen oder -summen. Jeder Song hat seinen eigenen Rhythmus und lässt dich nach knapp 40 Minuten aus einer Welt erwachen, in die man durch das Zurücksetzen der Nadel direkt wieder eintauchen möchte.
Die BBC fasst es wunderbar zusammen: „If you don’t know the Kinks albums, or you only have a Best Of, pop down to the corner shop for a custard pie and take a trip to a part of the 60s you may not have visited before. Welcome to the Village Green.“ Um es mit meinen eigenen Worten auszudrücken: Ab auf den nächsten Flohmarkt und die LP kaufen.

Tracklist:

Seite 1:

  1. The Village Green Preservation Society
  2. Do You Remember Walter
  3. Picture Book
  4. Johnny Thunder
  5. Last Of The Steam-Powered Trains
  6. Big Sky
  7. Sitting By The Riverside

Seite 2:

  1. Animal Farm
  2. Village Green
  3. Starstruck
  4. Phenominal Cat
  5. All Of My Friends Were There
  6. Wicked Annabella
  7. Monica
  8. People Take Pictures Of Each Other
Carsten Thoben (303 Beiträge)

Gründer und Betreiber des Vinyl Fantasy Mag | leidenschaftlicher Plattensammler | leidgeplagter HSV-Fan | Online & Social Media Junkie


8 Kommentare

  1. Ein Super-Album. Und eine der in meinen Augen besten, wichtigsten und einflussreichsten Bands aller Zeiten… Sehr schöner Artikel, Carsten! Obwohl ich denke, das die Mehrheit aller „Normal“-Hörer die Kinks am ehesten mit Lola in Verbindung bringen, als mit “You Really Got Me”. Das assoziieren viele wohl eher mit Van Halens Coverversion… Aber egal. „The Kinks Are the Village Green Preservation Society“ ist und bleibt ein zeitloser Klassiker!

    PS: Glückwunsch zum (nicht ganz verdienten) Klassenverbleib des HSV in Liga 1… 😉 Ich kenne diese Leidensgeschichten noch gut aus den 80ern und Anfang der 90er mit meinen Königsblauen… (Obwohl diese Saison auch so etwas wie eine Leidensgeschichte war… 😉 )

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    • Vielen Dank für das Lob. Ich war tatsächlich erst am überlegen, zu schreiben: „Bei The Kinks scheint das irgendwie immer noch „You Really Got Me“ zu sein, mit dem sie 1964 den internationalen Durchbruch schafften. Oder eben jenes so einprägsame „Lola“, das einer dieser Songs ist, den ich mit meiner Kindheit und dem Medium Radio verbinde.“ Aber irgendwie war mir das für die Einleitung letztlich zu lang :-)

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  2. Neben den The Beach Boys meine absolute Lieblingsband aus der Zeit. Tatsächlich hat meine wiederaufgeflammte Liebe zu den Gebrüdern Davies genau mit „The Village…“ begonnen, als ich es nämlich am Maybach- Ufer aufm Flowmarkt gekauft habe. „All Of My Friends Were There“ hat mich gleich beim ersten Mal gekillt, überragend und bewegend wie es ist. Ich bin auch eher Fan der späteren Werke, beginnend vllt mit „Face to face“ bis hin zu „Lola versus…“, welches im übrigen, „trotz“ des Radiohits, ebenfalls großartig ist. Auch wenn ich nicht wirklich Ahnung von der Theorie habe – aber die Entwicklung, die das Songwriting von Ray Davies in den Jahren vollzogen hat, ist schon faszinierend. Schade eigentlich, dass die aktuellen (Mono-) Reissues aller Kinks Alben, zumindest in Vergleich zu den The Beatles Reissues, so lieblos daher kommen und dann noch relativ teuer sind. Aber die PRT Ausgaben der 80er, wie deins da auf dem Bild, lohnen sich echt und sind in der Regel gar nicht so teuer. PS: Glückwunsch zum Klassenerhalt, ich hab auch die Daumen gedrückt. :)

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    • Wie nett, dass mir hier alle zum Klassenerhalt gratulieren :-) War mir gar nicht so bewusst, dass mein Dasein als HSV-Fan derart prominent rüberkommt, hehe… Deine Meinung zu den Mono-Reissues teile ich. Und die abgebildete LP habe ich für nen Zehner gekauft – ebenfalls auf nem Berliner Flohmarkt, würde auf Mauerpark tippen. Das Cover ist zwar schon etwas abgegriffen, die Vinyl aber 1A!

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  3. Also ich finde ja, daß die beste Kinks-Platte „Something else“ ist …

    GvH

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