Vinyl Classics
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Vinyl Classics: Elton John – Madman Across The Water

Elton John - Madman Across The Water Vinyl Classic

Ob König der Löwen, den Song für Diana oder das fürchterliche „Don´t Let The Sun Go Down On Me“-Duett mit George Michael – Elton John stand für mich lange Zeit für den Inbegriff seichter Radiopopmusik. Dabei hätte ich es eigentlich besser wissen müssen: In den 1970ern hat der Herr ein paar großartige Popalben heraus gebracht. Eines davon besitze ich seit einer halben Ewigkeit auf Kassette, hatte es aber schlichtweg nie wirklich wahrgenommen. Es war eine Szene in dem sehenswerten Film „Almost Famous“ (ja, genau der mit dem jüngst verstorbenen Philip Seymour Hoffman), die mir das Album vor mehr als zehn Jahren schlagartig wieder ins Gedächtnis hämmerte: Von einer Party und Streitereien geschunden sitzt die komplette Bandcrew im Bus und fängt nach und nach an, in Elton Johns „Tiny Dancer“ einzustimmen. Einer der größten Popsongs überhaupt und Opener von „Madman Across The Water“, das in meinen Ohren das vielleicht perfekte Popalbum darstellt.

Thank you for the music!

Als „Madman Across The Water“ 1971 veröffentlichte wurde, war Elton John noch kein großer Star. In den Albumcharts seines Heimatlandes landete das Album nur auf Platz 41, in den USA kletterte es immerhin bis auf Platz 8. Auch von den Kritikern wurde das Album nicht unbedingt mit Liebe zugeschüttet. Das änderte sich erst wieder mit dem Nachfolger „Honky Chateau“, der Elton John nicht nur seine erste Nummer 1 der US-amerikanischen Albumcharts bescherte, sondern vom Rolling Stone in die Liste der 500 größten Alben aller Zeiten aufgenommen wurde. In diese haben es gleich fünf seiner Alben geschafft. „Madman Across The Walter“ sucht ihr dort vergebens. Warum, weiß ich nicht.

Ein Grund könnte sein, dass „Madman Across The Water“ zwischen zwei Alben veröffentlicht wurde, die nicht auf das klassische Singer-Songwriter-Schema setzen. Während der Vorgänger „Tumbleweed Connection“ ein recht ambitioniertes Konzeptalbum über den Mittleren Westen der USA darstellt, verzichtet der Nachfolger „Honky Chateau“ zum ersten Mal fast vollständig auf Streicher und baut Rock’N’Roll- oder gar Funk-Elemente ein. Bis einschließlich „Goodbye Yellow Brick Road“ im Jahre 1973, das viele für sein bestes Album halten, hat Elton John ausschließlich gute bis verdammt gute Alben abgeliefert, man mag es kaum glauben. Und das waren gar nicht so wenige, denn 1971 und 1973 sind jeweils gleich zwei Alben erschienen! Warum also sticht für mich ausgerechnet „Madman Across The Water“ derart aus seiner Diskographie heraus?

Wenn ich ehrlich bin, kann ich es nicht erklären. Die Lyrics sind im Gegensatz zum konzeptionellen Ansatz auf „Tumbleweed Connection“ (in „My Father´s Gun“ wird zum Beispiel die Geschichte eines konföderierten Soldaten erzählt, der nach dem Tod seines Vaters in den Bürgerkrieg zieht, um für ihn den Sieg zu erkämpfen) sehr obskur, ohne sich mir irgendwie zu erschließen. Ständig ist von Jesus die Rede und ich frage mich, ob mit dem Madman Across The Water vielleicht Elton John selbst gemeint ist, der damals in den USA weit erfolgreicher war als anderswo. Wie schrieb Alec Dubro schon 1972 in der Printausgabe vom Rolling Stone: „„Levon“ sounds good, but I could listen to it for years and never know what it’s about.

Ja, das ist Pathos! Ja, da sind eine Menge Streicher! Ja, das sind Dinge, die ich an Musik im Normalfall nicht leiden kann. Aber sobald die ersten Töne von „Tiny Dancer“ aus der Anlage strömen, werde ich in einen Zustand des Wohlseins versetzt, den Musik bei mir zwar häufig, aber nicht in einem solchen Maße erreicht. Man könnte sagen, ich fühle mich geborgen. Oder einfach zu Hause. Vielleicht ist die Szene aus „Almost Famous“ exemplarisch. Sobald der Song ertönt, sind all der Zwist und all die Anstrengungen der bisherigen Tournee vergessen. Das klingt jetzt genauso pathetisch wie das Album, ich weiß, aber ich finde keine anderen Worte für dieses Stück Musik. Da ist es mir egal, dass „Tumbleweed Connection“ ein tolleres Gesamtkonzept hat und „Honky Chateau“ experimenteller ist. „Madman Across The Water“ ist eines der wenigen Alben, das ich zu jeder Zeit unabhängig von meiner Stimmungslage auf den Plattenteller legen kann und das mich und meine Gehörgänge erfreut. Das ist mehr wert als alles andere. Punkt. Thank you for the music, Mister Elton John!

Tracklist:

1. Tiny Dancer
2. Levon
3. Razor Face
4. Madman Across the Water
5. Indian Sunset
6. Holiday Inn
7. Rotten Peaches
8. All the Nasties
9. Goodbye

Gesamtspieldauer: 45:17 Minuten

Label: UNI Records

Carsten Thoben (303 Beiträge)

Gründer und Betreiber des Vinyl Fantasy Mag | leidenschaftlicher Plattensammler | leidgeplagter HSV-Fan | Online & Social Media Junkie


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