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Jack White und Third Man Records – die Retter der Schallplatte?

The White Stripes - Hotel Yorba on Red Vinyl
Es gibt Menschen, die scheinen mehrere Leben zu haben. Anders ist nicht zu erklären, wie Sie eine solch immense Vielzahl an Aktivitäten in 24 Stunden, 7 Tage die Woche unterbringen. Jack White ist einer davon. Mit den White Stripes, Raconteurs und zuletzt The Dead Weather hat er drei Bands gegründet. Darüber hinaus ist er als Künstler solo sowie als Produzent unterwegs. Auch in Filmen spielt er ab und zu mal mit, wenn auch meist sich selbst – wie z.B. im grandiosen „Coffee and Cigarettes“ von Jim Jarmusch. Als wäre all das nicht genug, gründete White mit Third Man Records sein eigenes Plattenlabel. Der labeleigene Plattenladen in Nashville verfügt unter Vinylliebhabern über wahren Kultstatus und hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Mekka für Vinylfans aus der ganzen Welt entwickelt.

Botschafter der Schallplatte

Im vergangenen Jahr war Jack Whites Soloalbum „Blunderbuss“ das meistverkaufte Album auf Vinyl in den Vereinigten Staaten. Vermutlich ein Grund dafür, Jack White zum Botschafter des diesjährigen Record Store Days im April zu ernennen. Doch auch mit zahlreichen anderen Aktionen haben White und Third Man Records in diesem Jahr für Aufsehen gesorgt.
Im Juni sicherte Jack White mit einer Spende von vermutlich mehr als 140.000 US Dollar das Fortbestehen des Detroit Masonic Temple, einem historischen Gebäude, in dem White selbst unzählige Shows gespielt hat. Die Betreiber steckten in großen Steuerschwierigkeiten. Als Dank wird der Konzertsaal in naher Zukunft in „Jack White Theater“ umbenannt.
Darüber hinaus unterstützt White die „National Recording Preservation Foundation„, in dessen Vorstand er sitzt, mit einer Spende von 200.000 US-Dollar. Die Vereinigung hat sich der Rettung amerikanischer Musik- und Tonaufnahmen sowie der entsprechenden Produktionsgeräte verschrieben. Mit dem Geld sollen gefährdete Aufnahmen gerettet und konserviert, einige sogar digitalisiert und online zugänglich gemacht werden. Dazu passt, dass Third Man Records in Kooperation mit der altehrwürdigen Plattenfirma Sun Records aus Memphis alte Seven Inches neu veröffentlicht. Die ersten drei Veröffentlichungen umfassten die Songs “Bear Cat“ von Rufus Thomas, “Just Walking in The Rain“ von The Prisonaires und “Get Rhythm“ von Johnny Cash. Weitere sind geplant.

Nichts, was es nicht gibt!

Der Soundtrack zum Baz Luhrmann-Film „The Great Gatsby“ wurde exklusiv von Third Man Records auf einer ganz besonderen (natürlich limitierten) Vinyl veröffentlicht – „in a never-before released method for vinyl records. Both LPs in the set are blindingly reflective metallized discs. Disc one is platinum and disc two is gold. These are the first-ever commercially available records made using these precious metals via this process.

Aber auch sonst lässt sich Third Man Records für seine Fans eine Menge einfallen. Neben den üblichen Vinyl in verschiedensten Farbvarianten ist das Album „The Ghost Who Walks“ von Karen Elson auf einer 12“ mit Pfirsichduft veröffentlicht worden. Es gibt limitierte Vinyleditionen, die im Dunkeln leuchten, Vinyl in den ungewöhnlichen Größen 8“ und 13“, eine transparente Vinyl mit gepressten Rosenblättern darin und eine mit blauer Flüssigkeit gefüllte Platte. Die 7“ zur Jack White-Single „Freedom at 21“ wurde als Flexidisc produziert und an Heliumballons gebunden, die vom Plattenladen in Nashville in die Luft gelassen wurden. Auf dem normalen Verkaufsweg war die Scheibe nicht zu bekommen. Auf diese Weise sollte die Vinyl auch in die Hände von Personen geraten, die sonst keinen Plattenladen besuchen würden.

Ihr seht schon, an Kreativität mangelt es Jack White und seinen Kollegen von Third Man Records nicht. Das zeigen auch die folgenden beiden Beispiele:

Record Booth zum Record Store Day 2013

Um seiner Rolle als Botschafter angemessen gerecht zu werden, hat sich Jack White etwas ausgedacht. In seinem Plattenladen in Nashville wurde am 20. April eine „Record Booth“ aufgestellt. Jeder Besucher konnte dort einen Song aufnehmen, der sofort auf Vinyl gepresst und mitgenommen oder per Post verschickt werden konnte. Im Video zeigt Brendan Benson von den Raconteurs wie es funktioniert:

The Dead Weather – Blue Blood Blues Triple Decker Record

2010 veröffentlichten The Dead Weather ihre Single „Blue Blood Blues“ vom Album „Sea of Cowards“. Und zwar nicht einfach auf einer normalen 7“ oder 10“, sondern als Triple Decker Record. Dabei handelt es sich um eine 12“ Vinyl, in der eine 7“ (mit einem Hidden Track) eingeschlossen ist. Und eingeschlossen bedeutet hier tatsächlich, dass sich der Hörer ein Messer schnappen muss, um die 12“ in zwei Teile zu zerbrechen. Der Hörer muss sich also an dieser Stelle entscheiden, ob er die Vinyl im eigentlich Zustand belässt oder ob er die 12“ zerbricht, um den Hidden Track zu hören, der nirgendwo sonst veröffentlicht worden ist. Ich vermute, dass es viele Plattensammler gibt, die sich die Single in zweifacher Ausfertigung besorgt haben, um in den Genuss beider Vinyl zu kommen. „It´s one of the many mind games we love to play with you here at Third Man Records„, sagt Jack White im dazugehörigen Video.

In diesem Jahr wurden sämtliche White Stripes-Alben auf 180g wieder veröffentlicht. Außerdem ist ein Live-Album mit bislang unveröffentlichten Tracks heraus gekommen. „NINE MILES FROM THE WHITE CITY“ heißt es, ist aber exklusiv für The Vault-Mitglieder erhältlich. The Vault ist eine Art Abodienst für Fans von Third Man Records. Die Platinum-Variante kostet 60 Dollar im Vierteljahr. Dafür erhält der Abonnent u.a. Zugang zu limitierten Vinyleditionen, die im normalen Plattenladen oder Mailorder nicht zu kaufen sind. Hier gibt es eine Liste der bisherigen The Vault-Veröffentlichungen: http://thirdmanstore.com/vault/vault-releases.
Diese Kommerzialisierung und die Limitierung auf häufig nur wenige Exemplare wird vielfach kritisiert. Zum Beispiel sind die oben erwähnten Reissues von Sun Records in einer besonderen Variante auf 150 Kopien begrenzt gewesen. Die Folge ist, dass sich einige Releases von Third Man Records in kürzester Zeit zu begehrten, aber auch überteuerten Sammlerstücken entwickeln.

The Godfather of Vinyl

Letztlich bleibt aber festzuhalten, dass die Strategie von Third Man Records (Stichwort: Mind Games) hervorragend aufgeht. Nahezu jede Veröffentlichung erfreut sich größter Beliebtheit. Es ist logisch, dass die Ideenentwicklung und Produktion all der beschriebenen Editionen nur durch das prall gefüllte Bankkonto von Mr. White möglich sind. Diese Tatsache aber als Kritikpunkt anzuführen, halte ich für lächerlich. Er könnte das Geld ebenso gut wie sein Kollege Kanye West in goldene Klobrillen investieren. Tut er aber nicht. Statt dessen bemüht er sich, Vinyl als Medium für Musikveröffentlichungen zu erhalten. Ob Jack White deswegen direkt als Retter der Schallplatte bezeichnet werden muss, lasse ich hier mal dahin gestellt.
Bei vielen Schallplattenjunkies genießt er jedenfalls einen nahezu gottähnlichen Status. Manchmal bekomme ich das Gefühl, dass man sich nur dann als wahren Vinylliebhaber schimpfen darf, wenn man mindestens ein Mal seine Füße in die heiligen Hallen von Third Man Records in Nashville gesetzt hat. Bei Instagram ist diese Verehrung faszinierend zu beobachten. Unter dem Hashtag #thirdmanrecords finden sich dort mehr als 10.000 Fotos (übrigens auch das Titelbild dieses Artikels). Wenn ihr Lust habt, klickt euch einfach durch die Galerie unten. Ansonsten durchstöbert den YouTube-Kanal oder die Webseite von Third Man Records. Da gibt es noch viel mehr zu entdecken, als ich in diesem Artikel aufschreiben kann.

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Carsten Thoben (303 Beiträge)

Gründer und Betreiber des Vinyl Fantasy Mag | leidenschaftlicher Plattensammler | leidgeplagter HSV-Fan | Online & Social Media Junkie


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